Sinn und Unsinn und Arbeiten in Bus und Bahn

Ich mache mir ja gerne mal meine Gedanken, auch über Sinn und Unsinn.

Heute ist mal das von Produktivitätsfetischisten oft beschworene Arbeiten beim Pendeln dran.

Wenn ich hier von Pendeln schreibe, geht es vornehmlich um die Nutzung des ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr), also Bus und Bahn.

Die Ausnahme vom „Arbeiten beim Pendeln“ im Auto beschränkt sich auf Telefonieren.
Natürlich ist auch mir klar, dass das bei einigen gerne mal mehr wird. Mails lesen und vielleicht auch noch beantworten oder Dokumente sichten, um nur mal zwei der vielfältigen Punkte aufzugreifen. Sieht man mal von der verkehrs- und strafrechtlichen Relevanz dessen ab, ist das auch von der Warte des Arbeitsorganisatorischen her mehr als ungünstig.
Die eigene Sicherheit sollte immer vorgehen und damit leidet die Aufmerksamkeit für die Arbeitsthemen. Zum Glück, in diesem Fall.
Arbeitsorganisatorisch tun sich Individual- und Massentransport aber in den meisten Punkten nicht viel.

Mehr Ruhe hat man aber natürlich bei der ÖPNV-Nutzung.
Die größten Sorgen, die man dabei normalerweise hat, beschränken sich auf:

  • Pünktlichkeit der Verbindung
  • Sitzplatz
  • Verhalten der anderen Fahrgäste
  • Ruhe

Auch hier gibt es natürlich einiges mehr, was man sich durch den Kopf gehen lassen kann, wenn man mit „den Öffis“ unterwegs ist. Das hat dann zwar auch Auswirkungen auf Arbeitsthemen, aber ich berufe mich hier nun mal auf meine eigenen Erfahrungen.

 

Also, wie kann Arbeit im ÖPNV aussehen?

Das klassische Beispiel ist hier vielleicht die „Ohrengeiselnahme“ durch zu lautes Telefonieren.
Den Begriff habe ich mir übrigens von einem Text geliehen, den ich „damals“ (*hust*) im Deutschunterricht auseinander nehmen musste. Ich weiß nur leider nicht mehr, von wem der Text war. Es ging aber um genau das: Lautes Telefonieren. Damals kamen grade die ersten wirklichen Handys auf den Markt und der Autor war offensichtlich nicht sonderlich angetan davon.

E-Mails sind auch gerne gesehen in Bussen und Bahnen.
Und hier haben wir direkt ein ganz großes Problem. Nicht nur sind öffentliche Verkehrsmittel bis oben hin voll von Ablenkungen sondern auch mit neugierigen Augen. Dienstliche E-Mails sind im Normalfall nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und enthalten neben Firmeninterna auch gelegentlich mal „Personenbezogene Daten“. Diese in aller Öffentlichkeit auf einem Smartphone, Tablet oder Laptop zu lesen, ohne den geringsten Schutz, ist schon ein drastischer Verstoß gegen Datenschutzgesetze. Wie das in besonders schutzwürdigen Bereichen wie Medizin oder Seelsorge aussieht, will ich mir gar nicht erst ausmalen.

Chats mit Kollegen würden noch gehen.
Vorausgesetzt es geht um allgemeine Belange und nichts, was mit Kunden zu tun hat. Dann sind Chats genauso zu behandeln wie E-Mails und gehören nicht vor unbeteiligte Augen.

Sämtliche Kommunikation im dienstlichen Rahmen ist damit schon mal als „Arbeit in Bus und Bahn“ disqualifiziert.

 

Was bleibt denn da noch?

Das Sichten von Dokumenten zum Beispiel.
Aber das sind meist auch Interna.

Termine für den aktuellen Tag (morgens) oder den nächsten (auf dem Heimweg) sichten und im Kopf vorbereiten.
Das geht nach meiner Ansicht ohne Schwierigkeiten. Um mit den Informationen über einen Termin etwas anfangen zu können, müsste ein Beobachter schon vorab Informationen haben. Die Wahrscheinlichkeit ist in einem durchschnittlichen Unternehmen doch eher gering. Hier ist die Frage, wie der Schutzbedarf der Informationen und des Kunden, der den Termin verursacht hat, gelagert ist.

Vom Schreiben oder allgemeinen Produzieren brauche ich wohl gar nicht mehr anzufangen.
Nicht nur, dass das echte Produzieren am besten auf einem Laptop geht, für den man zu Rush Hour-Zeiten keinen Platz haben wird, sind hier auch wieder Interna ein Thema.
Oben drauf kommt noch, dass ich einige Leute kenne, die durch das Geschaukel einer Bahn quasi seekrank werden, wenn sie länger als ein paar Sekunden auf Smartphone oder anderes schauen. Im Bus verstärkt sich das nach meiner Erfahrung sogar noch.

 

Interessiert das die anderen Fahrgäste denn überhaupt, was man da macht?

Wenn ich mir mal ansehe, wie viele Leute morgens die Augen nicht von den Büchern und Zeitungen aber eben auch Smartphones der anderen lassen können, komme ich ganz klar zum dem Schluss: JA, tut es.
Sie können zwar mit den meisten Firmeninfos wohl kaum etwas anfangen, aber das Sicherheitsbedürfnis vieler Unternehmen ist dann schon verletzt.

 

Da frage ich mich dann doch, ob dieses vielbeschworene Pendelzeit-Nutzen zum Arbeiten nicht nur ein feuchter Traum eines Produktivitätsfetischisten oder doch eher nur graue Theorie ist.

Zumal das ganze im Regelfall nur für „Wissensarbeiter“ gilt. Handwerkliche Berufe haben es da noch schwerer.

Da sollte man die Zeit in den Öffis doch lieber anders nutzen:

  • Musik hören
  • Buch lesen
  • den Tag nochmal im Rückblick bewerten
  • die Gedanken schweifen lassen beim Blick aus dem Fenster
  • mit anderen Fahrgästen reden

 

Ihr seid dran:

Habt ihr vielleicht Argumente, die für die Öffis als Arbeitsplatz sprechen (von den klassischen Jobs im ÖPNV abgesehen)?
Was geht vielleicht doch?
Was habe ich übersehen?

Kommentarfunktion und so… kennt ihr ja.

Nachtrag:
Dieser Post stammt eigentlich von Anfang 2016 und war einige Zeit nicht mehr sichtbar geschaltet (Aufräumaktion). Da er aber nichts an thematischer Relevanz eingebüßt hat, habe ich ihn wieder online geschaltet.

Eine Antwort auf „Sinn und Unsinn und Arbeiten in Bus und Bahn“

  1. Ich persönlich bin kein Freund vom Arbeiten im ÖPNV. Dafür gibt es die geregelten Arbeitszeiten. Maximal noch letzte Vorbereitungen auf den ersten Termin des Tages, wenn mit ihm direkt die Arbeitszeit beginnt.
    Man muss es mal so sehen: Diese Arbeitszeit beginnt in der Firma und endet auch dort. Alles darüber hinaus, auch der Weg zählt unter Freizeit. Da gehört berufliches einfach nicht mehr hin, auch wenn viele Arbeitgeber das gern sehen würden.
    Die Zeit im ÖPNV sollte man, besonders nach Feierabend, ehr dazu nutzen den Kopf frei zu bekommen, sich auf zu Hause einstimmen. Sei es mit Lektüre, einem kleinen Idlegame oder einfach nur musikalischer Berieselung. Es ist ja erwiesen, dass es grade Männern schwer fällt „Feierabend“ zu machen.
    Auch den Weg zur Arbeit sollte man noch nutzen um den Kopf „frei zu halten“ und sich nicht schon im Vorfeld die Produktivität des Tages mit zu vielen Gedanken zunichte machen. Alles im voraus durchplanen mag zwar für einige ideal sein, aber es hemmt in mehreren Bereichen. Etwas Unvorhergesehenes kann einen dann aus der Bahn werfen und Kreativität bleibt da sowieso auf der Strecke.
    Kurz gesagt: Arbeiten im ÖPNV lässt einem keinen persönlichen Freiraum ausserhalb der Arbeitszeit, also in der Freizeit, die größtenteils eh aus schlafen besteht. Je länger der Arbeitsweg ist, desto schlimmer wird es.
    Dann ist der ÖPNV auch direkt ein Weg in den Burn Out.

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