Sinn und Unsinn und Feiertage nachholen

Feiertage sind toll.
Toll genug, dass manche sich wünschen, sie würden in der Woche nachgeholt, wenn sie auf ein Wochenende fallen.

Aber ist das auch so sinnvoll?

Gucken wir doch erstmal, warum es überhaupt neben den Wochenenden auch noch Feiertage gibt.
Feiertage entstehen meist zum Gedenken an etwas oder aus kulturellen und religiösen Gründen heraus; weltliche und geistliche Feiertage sozusagen.
Beispiele? Gerne. Das in Deutschland bekannteste Beispiel für einen weltlichen Feiertag ist wohl der 3. Oktober, der Tag der deutschen Einheit. Geistliche Feiertage, die in Deutschland auch wirklich so gesetzlich festgeschrieben sind, sind beispielsweise Ostern, Pfingsten, Weihnachten.

Nun ist es in Deutschland so, dass Feiertage sich nach verschiedenen Kriterien richten.
Der heutige “Tag der Arbeit” oder “Maifeiertag” findet konsequent immer am 1. Mai statt. Dieses Jahr fällt er damit auf einen Sonntag. Und die Sonntage sind für die meisten Menschen in Deutschland nun mal per se arbeitsfrei. Insofern ist der Feiertag also verschenkt.

Viele Menschen, auch in der Politik, kommen zu solchen Gelegenheiten mit der Idee um die Ecke, Feiertage vom Wochenende am nächsten regulären Arbeitstag nachzuholen, also meistens am folgenden Montag.
Die Idee ist gar nicht so abwegig, es gibt Volkswirtschaften, in denen das gelebt wird.
Auch hier ein Beispiel? Auch hier gerne: Südafrika.

Ich weiß es aus der Erfahrung bei “meinem” aktuellen Kunden. Es gibt eine Schwesterfirma in Südafrika, die wir IT-seitig mit betreuen. Und wenn dort am Wochenende ein Feiertag war, kommt am Montag entsprechend erstmal niemand zur Arbeit. Das ist gesetzlich festgestellt, das funktioniert für die Leute wunderbar.
Dass wir uns in Deutschland dann wundern, interessiert erstmal keinen. Und bis wir auf den Gedanken kommen nachzusehen, gehen ein paar Stunden ins Land.

Würde das in Deutschland auch funktionieren?
Wahrscheinlich ja, aber es bräuchte einige Jahre, bis diese Neuregelung die typisch deutsche Gewohnheit durchbrochen hat. Wenn dieses Modell überhaupt hier angenommen wird.
Aus der Sicht eines Arbeitnehmers kann ich das natürlich nur gutheißen. Immerhin mehr freie Tage im Jahr.

Ziehe ich jetzt aber mal die Brille des Vorgesetzten auf, der die Leistung seines Teams zu verantworten hat, kommt mir das kalte Grausen.
Wir hängen eh schon hinterher und dann sollen wir auch noch Tage, die eigentlich ganz normale Arbeitstage sind, einer ungünstigen Fügung im Kalender opfern?! Dagegen!
Aber, obrigkeitshörig wie wir Deutschen nun mal sind, würden wir das knurrend und murrend mitmachen, wenn die Gesetzeslage entsprechend geändert würde.

Okay, genug des eingeschränkten Blicks. Sehen wir uns das ganze doch mal im internationalen Kontext an.
Wie oben schon erwähnt, gibt es Länder in denen dieses Nachholmodell seit Jahren erfolgreich genutzt wird.
Und, oh wunder, diese Volkswirtschaften funktionieren. Südafrika gilt immer noch als Aufsteigerland, obwohl es ein paar Punkte gibt, die Sorgen machen könnten. Die auf die nachgeholten Feiertage zu schieben, wäre aber kurzsichtig.
Auch das Vereinigte Königreich (“England”, für die, die es nie begreifen wollen, dass England nur ein Teil des United Kingdom ist) hat diese Regelung. Und auch dort funktioniert die Wirtschaft.

Im internationalen Zusammenhang ist es nach meiner Erfahrung so, dass man sich über die Feiertagssituation im Partnerland informiert und gegenseitig Rücksicht nimmt.
Und gerade heutzutage, wo immer mehr per E-Mail kommuniziert wird, auch im beruflichen/ geschäftlichen Rahmen, sind Uhrzeiten und Tage eh weitestgehend irrelevant geworden. Ich hatte da auch irgendwann mal für eine universell gültige Zeit plädiert, um den künstlich eingeführten Zeitzonen und ihren Verwirrungen zu entgehen.

Da es also seit Jahren schon funktioniert, mit nachgeholten Feiertagen umzugehen, sehe ich da wenig Grund zur Sorge.

Dennoch, statt sich über solche symptomatischen Maßnahmen Gedanken zu machen, sollte man vielleicht besser über neue Formen der Arbeit nachdenken.
Ansätze gibt es dazu genug, auch solche, die für ein angemesseneres Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Freizeit sorgen.
Natürlich muss man aufpassen, dass niemand über Gebühr benachteiligt wird. Genauso kann es nicht aufgehen, wenn plötzlich alle Welt nur noch Nachtschichten machen will. Damit würde unser gesellschaftliches Gefüge komplett auseinander fliegen. Wie gesagt, die Deutschen sind Gewohnheitstiere.

Ein Modell aus Kernarbeitszeit, also festgelegter Start- und Endzeiten für das Tagesgeschäft, innerhalb derer Grenzen man sich seine eigene Arbeitszeit frei verteilen kann, wird selbst hierzulande von vielen Unternehmen schon gelebt. Und es funktioniert.
Uns Arbeitnehmern gibt das eine gehörige Portion Flexibilität. Wir können früh anfangen, wenn wir sowieso zeitig aufstehen müssen, dann vielleicht eine lange Mittagspause machen und erst spät den Tag beenden. Oder, wer individuell lieber den klassischen Modellen treu bleiben will, zum Start der Kernarbeitszeit anfangen und dann 8 Stunden durch “schuften” (natürlich mit der halben Stunde Mittagspause), um dann pünktlich den Stift fallen zu lassen und nach Hause zu gehen.

Klingt verlockend, oder? Wäre schön zu haben?
Ja, darum trommeln so viele Leute auch dafür und nennen es “Gleitzeit”. Gibt es schon, funktioniert im Regelfall auch gut.

Wir kommen hier natürlich recht schnell bei der Überlegung an, dass man dann ja auch mal locker mehr Stunden pro Tag machen könnte, um den Freitag dann komplett frei zu nehmen.
Das funktioniert aber nur eingeschränkt. Wenn das alle Mitarbeiter machen, ist am Freitag oder Montag niemand während der Kernarbeitszeit da und der Betrieb steht. Das darf bei einem solchen Modell auch nicht passieren.

Bringen wir mal noch einen Aspekt in diese Gleitzeitüberlegungen.
Die flexible Wahl des Arbeitsortes. Eines meiner liebsten Themen in diesem Zusammenhang.
Selbstverständlich kann das nur machen, wer hauptsächlich “Wissensarbeit” leistet. Es bringt nichts, wenn man als Krankenpfleger sagt “ich arbeite heute zu Hause; Chefarzt, bring mir die Patienten nach Hause” oder als Dachdecker im Hinterhof die Pfannen aufreiht, obwohl das Haus samt zu deckendem Dach im Nachbarort steht. Auch im Einzelhandel kann man nur schwerlich von zu Hause aus arbeiten, wenn man nicht gerade stationären Handel und Online-Handel parallel betreibt. Da kann man dann schon Aufgaben identifizieren, die sich außerhalb der Geschäftsräume erledigen lassen.

Diese Mischung aus Gleitzeit und flexibler Wahl des Arbeitsortes lässt sich wohl am besten mit einem momentan grassierenden Buzzword beschreiben. Work-Life-Blending, also die vollständige Verschmelzung von Beruf und Privatleben.
Wenn das erreicht ist, gibt es so oder so keine wirklichen Feiertage mehr, weil man eh ständig bereit zur Arbeit ist und nie wirklich Freizeit im Sinne von “Zeit für sich selbst und Familie und Freunde” hat.


Alles auf Anfang.
Die Ausgangsfrage war, ob es sinnvoll ist, Feiertage vom Wochenende am folgenden Werktag nachzuholen.

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Wirklich freie Tage haben viele schon jetzt nicht mehr, da macht es durchaus Sinn, wenn zusätzliche Tage als “hauptsächlich arbeitsfrei” definiert werden.

Pauschal alle Feiertage nachzuholen empfinde ich aber als unpraktisch.
Wenn diese Überlegungen seitens der Regierung konkreter werden, plädiere ich für eine Abwägung und eine Einstufung der einzelnen Feiertage in “nachholbar” und “festgelegt”. Diese Kategorisierung kann sich am Anlass orientieren. Der 1. Mai, traditionell ein Tag der Arbeitnehmer, sollte wegen seiner Bedeutung als nachholbar gelten. Den 3. Oktober kann man aber ruhig am Wochenende begehen.

Streit könnte es bei den geistlichen Feiertagen geben. Zumal diese auch noch je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt werden. Hier wäre, bevor man überhaupt an Nachholfeiertage denkt, vielleicht erstmal eine Harmonisierung angebracht.

Und, nur mal als Beispiel: Ostern. Der Ostersonntag ist zwar kein Feiertag, der auch mal in die Woche fallen könnte und damit eigentlich nicht nachholfähig, aber aufgrund der Bedeutung als geistlicher Feiertag wohl doch ein Kandidat. Das hieße dann:

  • Karfreitag → frei
  • Karsamstag → Arbeitstag
  • Ostersonntag → eh schon i.d.R. frei
  • Ostermontag → Feiertag
  • Dienstag → Nachholfeiertag vom Sonntag

Klar, als Arbeitnehmer wünschenswert. Aber wollen wir wirklich 5 Tage das öffentliche Leben fast komplett lahmlegen?

 

Wie seht ihr das?
Feiertage bundesweit vereinheitlichen und jeden Feiertag nachholen?
Abgestufte Nachholregelungen?
Und wie seht ihr das mit mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -Ort?

Lasst uns in den Kommentaren diskutieren!