Sinn und Unsinn und … E-Scooter

Wieder mal ein Thema, um sich kräftig in die Nesseln zu setzen. Aber schön der Reihe nach.

In den Medien wurden und werden sie gehypet: E-Scooter. Oder meinetwegen auch „E-Tretroller“, „E-Roller“ oder was auch immer. Hauptsache es hat einen Lenker, Standfläche, Elektromotor und Akku. Der neue Trend in der innerstädtischen Mobilität.
Nachdem ich jetzt 3 Projektwochen in Hamburg inmitten dieser Dinger verbracht habe, erlaube ich mir einen skeptischen Blick.

Während in anderen größeren deutschen Städten E-Scooter im Mobilitätsmix noch keine nennenswerte Rolle spielen, wenn man von den wenigen leicht exzentrischen Verkehrsteilnehmern mit individuellem Scooter absieht, sieht das in der Hanse-Metropole anders aus. Gleich 4 E-Scooter-Verleiher sind dort auf dem Stadtgebiet aktiv und bieten Lauffaulen und Neugierigen E-Scooter an.

Das Konzept ist bei allen gleich: App runterladen, Account erstellen, QR-Code am Scooter scannen und loszischen.
Letzteres ist dann auch eines der großen Probleme dieser Fahrzeuge, aber dazu gleich mehr.
Hat man sein Ziel erreicht oder den Akku leergemacht, stellt man das Gefährt idealerweise am Wegesrand ab, scannt wieder den Code und zieht mit anderen Mitteln seines Wegs. Die Abrechnung erfolgt über die App, also vermutlich PayPal oder die gute alte Kreditkarte. Über Nacht sammeln fleißige Heinzelmännchen die Scooter ein, laden sie zentral auf und bringen sie im Morgengrauen für den nächsten Schwung Bewegungsmuffel wieder an zentralen Punkten in Stellung.

Wenn ich jetzt die Probleme, die ich mit diesen Dingern sehe, aufliste, könnte ich eigentlich den vorigen Absatz einfach nochmal schreiben.
Das erste Problem: Es bedarf keines Führerscheins, keiner Einweisung, keiner wirklich besonderen Verhaltensregeln (stimmt so nicht ganz, aber das ist nichts, was man nicht vom Fahrrad kennt; als Vertiefungslektüre sei hier dringend die entsprechende Seite vom ADAC empfohlen) und weder Helm noch Schutzkleidung oder auch nur eine Hochsichtbarkeitsweste sind Vorschrift. Die Betreiber machen es einem auch einfach, auf spezielle Verhaltensweisen zu pfeifen. Und wenn ich mir die Marketingbrille aufsetze, kann ich das auch absolut nachvollziehen. Im deutschen Markt sind alle Firmen noch recht jung und müssen sich etablieren und Umsätze machen.

Das zweite Problem neben den mangelnden Regeln ist das Verhalten vieler Nutzer. Ich bin noch nicht sicher, ob es sich dabei um eine hamburgische Eigenart handelt oder ob es an den Scootern selbst liegt. Alle, die ich bisher damit erlebt habe, fahren, als wäre Sonntag, das sprichwörtliche Irrenhaus hätte Ausgang und alle sind obendrein noch auf irgendwelchen Drogen. Wer Autofahrer und Radfahrer für rücksichtslos hält, musste noch nie einem 20 km/h schnellen E-Scooter ausweichen.

Problem 3 ist immer noch der Umgang der Nutzer mit den Gefährten. Ist der Akku leer oder das Ziel erreicht, wird das Ding oftmals (nicht immer, es gibt wie bei den vorigen Punkten auch natürlich rühmliche Ausnahmen) einfach MITTEN AUF DEM GEHWEG stehen gelassen. Nicht am Rand, wo es niemanden behindert. Die Krönung war bisher ein leerer Scooter 5 m vor einem scheinbaren Sammelpunkt (ca 10 weitere Modelle des gleichen Anbieters).

An dieser Stelle bietet es sich an, kurz mal tief durchzuatmen, bevor es in den nächsten Abschnitt geht.
Bisher habe ich mich auf die Nutzer konzentriert doch das ändert sich jetzt. Vorweg sei noch gesagt, dass ich beileibe nicht den nötigen Überblick über die Produktionsabläufe, die Rohstoffsituation oder den dabei entstehenden „ökologischen Fußabdruck“ habe. Man kann sich aber alles schön- oder eben kaputtrechnen, je nachdem, was man am Ende als Ergebnis haben will. Da ich hier ergebnisoffen überlege, kommt am besten einfach mal mit.

E-Scooter vermindern erstmal pro Fahrt für einzelne Nutzer den CO2-Ausstoß deutlich. Aber im Sinne einer nachhaltigen und ganzheitlichen Betrachtung reicht es nicht, sich nur auf einzelne Fahrten zu konzentrieren. Wie erwähnt, lasse ich hier die Produktion und die Lieferung ins Einsatzgebiet außen vor.
Was wir aber betrachten müssen ist die Tatsache, dass die Scooter über Nacht normalerweise eingesammelt werden und zum Aufladen gebracht werden. Wie geschieht das? Mit einem Kleintransporter… typischerweise haben die Dinger Dieselmotoren. Und dann fahren die erstmal quer durch die Innenstadt ohne wirklich Gewicht dabei zu haben.

Der CO2-Fußabdruck ist damit schon mal nicht mehr im Bereich Baby-Schuhe sondern etwas darüber.
Und jetzt lehne ich mich mal aus dem Fenster und mutmaße, wie die E-Scooter geladen werden. Wenn das per Photovoltaik-Anlage mitsamt entsprechender Speicherung bei der örtlichen Niederlassung des Betreibers passiert, würde mich das sehr wundern. Das werden ganz einfache Business-Strom-Tarife sein, die möglichst günstig sind. Das sind im Normalfall Tarife, die nicht auf „100% Öko-Strom“ gerechnet werden. Wieso „gerechnet werden“? Das würde an dieser Stelle zu weit führen. Das heißt, die ach so grünen Scooter hängen an Atom-, Kohle- und sonstigen „traditionellen“ Kraftwerken. Sehr umweltfreundlich…

Dann werden die Dinger wieder rausgefahren. Mit den gleichen Transportern.
Insgesamt wird der CO2-Ausstoß der Scooter zwar immer noch geringer sein als bei reiner PKW-Nutzung in den Innenstädten, aber so grün wie sie gerne vermarktet werden sind sie nicht. Um das einzusehen brauche ich kein umfangreiches Studium im Bereich Umwelt- und Naturschutz.
Ich bin sogar der Meinung, dass ein vernünftiger ÖPNV-Mix mit Park&Ride vom Stadtrand aus grüner ist. Aber da ist man ja nicht so hip und individuell. Bus und Bahn gibt es seit über 100 Jahren.

Also, was könnte man tun, um den Scootern wirklich den grünen Anstrich zu geben, den sie gerne hätten?

  • Über das Stadtgebiet verteilte Ladestationen
    Die sinnlosen Fahrten der Juicer mit den Kleinlastern fallen weg und vielleicht trichtert das den Nutzern einen sorgsameren Umgang mit den Gefährten ein. Die Stationen könnten mit Photovoltaik ausgestattet sein, um so wenigstens einen Teil des Stroms grün zu beziehen.
  • Wenn zentral laden, dann bitte mit Solarenergie
    Es gibt mittlerweile sehr gute Photovoltaikpanels und Speichermöglichkeiten. Und da die Scooter während des Ladevorgangs auch irgendwo stehen müssen, können wir von einer ausreichend großen Dachfläche ausgehen.
  • Wenn die Dinger schon eine Versicherung brauchen, ähnlich wie ein Mofa, dann bitte auch mit verbindlichen Verkehrsregeln und vielleicht sogar einer Art Führerschein. Wir reden von 20 km/h schnellen Fahrzeugen, die ohne wirkliche Vorsichtsmaßnahmen auf die Straßen gebracht werden. Zum Vergleich: Elektrische Rollstühle dürfen aus Sicherheitsgründen maximal 6 km/h schnell sein.
  • Den Punkt oben mit den Ladestationen in der Stadt könnte man noch aufbohren und Nutzern, die die Scooter wild abstellen, eine zusätzliche Gebühr abverlangen. Nichts erzieht Menschen besser als der Griff ins Portemonnaie.

Als Fazit:

Ja, die kleinen Flitzer haben durchaus Potential. Nur leider wird das nur zur Hälfte genutzt, weil nicht über den Tellerrand geguckt wird und mal wieder das Hauptaugenmerk – scheinbar! – auf dem schnellen Euro mit einem Hype liegt. Schade drum.
Solange die Dinger nicht vernünftig in die Verkehrslandschaft integriert sind, mache ich da einen Bogen drum.

Okay, außerdem will ich nicht zum typischen Menschen aus dem Film Wall-E werden. 2. Außerdem: Ich glaube, wenn ich auf so ein Ding steige, bricht das unter mir zusammen oder kommt kaum von der Stelle.
Ich bleibe Fußgänger und Öffi-Nutzer.

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